Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik

Prof. Dr. sc. pol. Tobias Debiel
Dr. habil. Daniel Lambach (Vertretungsprofessur)

Lehrstuhl

LS2017_klein

Forschung

In seiner Forschung befasst sich der Lehrstuhl mit Fragen der Steuerung des globalen Südens sowie mit der Friedens- und Konfliktforschung (FuK). Der erste Bereich behandelt insbesondere die Frage nach der Agency südlicher Akteure. Der zweite beinhaltet Projekte zu fragiler Staatlichkeit und gewaltlosem Widerstand. Im Querschnitt dieser Felder, also der Verbindung von FuK und IB sind weitere Forschungsthemen verortet, zum Beispiel zum Konzept der menschlichen Sicherheit sowie zur internationalen Schutzverantwortung (R2P). Die gemeinsame Klammer dieser verschiedenen Felder liegt in der Dialektik von Intervention/Steuerung und Agency/Widerstand. Dabei nehmen wir auch eine normative Position ein: Wir betrachten Staaten und Gesellschaften des Südens nicht als Problem oder Bedrohung der OECD-Welt, sondern nehmen sie als Akteure der Global Governance ernst. Wir betonen deren Akteursqualität und betrachten sie nicht als zu regulierende Objekte, sondern als partizipierende Subjekte.

Die Konstitution des Südens und seine Verbindungen zum Norden sind andauernden Veränderungen unterworfen. Früher ging es in den Nord-Süd-Beziehungen um Dekolonisierung und Souveränität, heute um die Ausdifferenzierung innerhalb des Südens und die Multipolarisierung der Welt. Es ist auch eine zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Süd und Nord durch transnationale Migration, wirtschaftliche Interdependenzen sowie die Globalisierung von Kommunikation zu beobachten. Im Bereich der IB untersuchen wir den globalen Süden durch das konzeptionelle Prisma der Agency. Agency meint die Fähigkeit zum sinnhaften, intentionalen Handeln und zur Verfolgung eigener Ziele. Sie basiert einerseits auf der Subjekthaftigkeit eines Akteurs, also auf der Selbstwahrnehmung und -darstellung einer Person oder einer Organisation als sinnhaft Handelnder, andererseits wird sie auch durch Strukturen und andere Akteure gezielt produziert.

Daraus ergeben sich zwei Fragenkomplexe: Erstens, wie entsteht Agency im globalen Süden? Zur Entstehung von Agency gehört a) die Konstruktion von Agency durch die Anwendung produktiver Macht, also die Bestimmung akzeptabler Rollen und Funktionen von Akteuren, und b) die Anpassung von Agency im Süden an vorhandene Formen durch Praktiken des Mimicry, der Adaptation und der Hybridisierung. Zweitens, wie verwendet der Süden seine Agency? Neben einer passiven Akzeptanz der eigenen Unterlegenheit können Akteure aus dem Süden a) ihre Agency verteidigen oder betonen, z.B. indem Staaten auf ihre Souveränität pochen und Widerstand gegen externes Eingreifen mobilisieren. Der Süden kann auch b) seine Agency kreativ einsetzen, um die Spielräume und Regelungslücken in der Global Governance für sich zu nutzen.

Im Bereich der FuK hat der Lehrstuhl die deutschsprachige Debatte um fragile Staatlichkeit mitgeprägt. Ein aktueller Schwerpunkt ist hierbei die Erforschung von Staatskollaps als besonderer Ausdruck soziopolitischer Krisen in den Gesellschaften des Südens, die vor dem Hintergrund andauernder Staatsbildungsprozesse stattfinden, welche maßgeblich durch externe Akteure und Vorbilder beeinflusst werden. Darüber hinaus hat der Lehrstuhl Beiträge zum Verständnis von Peacebuilding und Statebuilding in Nachkriegsgesellschaften geleistet. Bereits hier haben wir klar Stellung bezogen für eine Respektierung lokaler Agency in Prozessen der Friedenskonsolidierung.

 

Lehre

Die Lehreinheit »Inter­na­tionale Bezie­hungen und Entwick­lungs­politik« bietet ein breites Seminar­angebot für die folgenden Studi­engänge an: B.A. Politik­wis­sen­schaft, M.A. Inter­na­tionale Bezie­hungen und Entwick­lungs­politik, Integrierter Studi­engang Sozial­wis­sen­schaften (ISS), Ostasi­en­wis­sen­schaften, Lehramt Sozial­wis­sen­schaften, Praktische Sozial­wis­sen­schaften, Magister Nebenfach Politik­wis­sen­schaft. Der Master­stu­di­engang »Inter­na­tionale Bezie­hungen und Entwick­lungs­politik (IBEP)« mit den regionalen Schwer­punkten Subsahara-​Afrika, Ostasien und Europa wird seit dem WS 2006/2007 angeboten. Ergänzt wird das Lehrangebot durch Seminare von Mitar­bei­te­rInnen des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) und durch die Koope­ration mit Duisburg-​Essen Model United Nations (DuEMUN)-Projekt des gleich­namigen studen­tischen Vereins.

 

 

 

Publikationen

New Kind of War - New Kind of Detention?

Hühnert, Dorte (2016): New Kind of War – New Kind of Detention? How the Bush Administration Introduced the Unlawful Enemy Combatant. Münster: LIT Verlag.

Warum Staaten zusammenbrechen

Lambach, Daniel; Johais, Eva; Bayer, Markus (2016): Warum Staaten zusammen-brechen: Eine vergleichende Untersuchung der Ursachen von Staatskollaps. Wiesbaden: Springer VS.

Forum Shopping in International Disputes

Mondré, Aletta (2015): Forum Shopping in International Disputes. Basingstoke: Palgrave Macmillan.