Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik

Prof. Dr. sc. pol. Tobias Debiel

Forschungs­profil

Die Forschungs­pro­grammatik des Lehrstuhls steht unter dem Leitmotiv „Hierarchien und Ungleichheit in der Weltge­sell­schaft“. Sie baut auf früheren Forschungen des Lehrstuhlteams zum Gegensatz von Intervention/​Steuerung und Agency/​Widerstand auf. Ein Akzent lag dabei auf der Frage, wie Handlungs­subjekte im Globalen Süden angesichts struk­tu­reller Ungleichheit ihre Agency kreativ einsetzen. Diese Strukturen werden durch informelle Hierarchien geprägt, in denen entlang von Macht­asym­metrien Spiel­regeln festgelegt werden. Die eher Machtlosen sind diesen jedoch nicht als passive Subjekte ausge­liefert, sondern verstehen es, bestehende Spielräume zu nutzen. Dabei greifen sie nur selten zu offener Dissidenz, da dies für sie angesichts repressiver Gegen­maß­nahmen sehr kostspielig sein kann. Verbreiteter sind Formen der non-​compliance oder die passive Akzeptanz von Regeln, ohne dass diese normativ gutge­heißen würden. Allerdings gibt es auch Situa­tionen, in denen Protest und Widerstand als Handlungs­stra­tegien gewählt werden, um bestehende Ordnungen heraus­zu­fordern und zu trans­for­mieren. Der Lehrstuhl vertieft diese theorie­ori­en­tierten Arbeiten und leistet damit nicht zuletzt einen Beitrag zur Weiter­ent­wicklung der „agent-structure“-Debatte (Lambach, Hühnert).

Drei Leitfragen kommt dabei besondere Bedeutung zu: a) Inwiefern werden Hierarchien dadurch aufrecht­er­halten bzw. verändert, dass vorherr­schende, aber auch subalterne Akteure sich durch Bestä­tigung oder Wider­streit auf vorherr­schende Normen bzw. Diskurse beziehen? b) Wie spiegeln sich ungleich verteilte Macht­ver­hältnisse in Formen globaler Governance über Räume mit umstrittener regulativer Kontrolle wider? c) Mit welchen Handlungs­stra­tegien versuchen periphere bzw. subalterne Akteure, auf hierar­chische Ordnungen zu reagieren?

Die Forschungen des Lehrstuhls konzen­trieren sich auf das Nord-​Süd-​Verhältnis sowie gesell­schaftliche Umbrüche im globalen Süden. Sie sind eng mit den entspre­chenden Forschungen des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) verbunden, dessen Leitmotiv „Verant­wortung in einer konfliktiven Weltge­sell­schaft“ lautet und das gemeinsam mit dem Lehrstuhl für das Duisburger Forschungs­profil zur Friedens- und Konflikt­for­schung steht.

Der Lehrstuhl und das INEF gehen davon aus, dass in Zeiten digitaler Kommu­ni­kation, hoher Mobilität und Inter­aktion, zuneh­mender Inter­de­pendenz und einer selektiven Durch­läs­sigkeit von Grenzen das vielfältige Gefüge von Akteuren wie auch ihre normativen und diskursiven Referenzen immer stärker trans­na­tional geprägt ist. Damit sind Ansätze, die die Staatenwelt in ihrer postwest­fä­lischen Konsti­tution zugrunde legen, nicht obsolet geworden. Sie stoßen aber an immer deutlichere Grenzen. Für unsere Forschungen ist insofern das Konzept der Weltge­sell­schaft zielfüh­render. Es rückt in den Vordergrund, wie sich politische Zusam­menhänge in einer zunehmend komplexen Welt immer wieder in eigenen Räumen und fluiden Akteurs­kon­fi­gu­ra­tionen neu konsti­tuieren und wie sich die Umrisse, Dynamiken und Konflikt­kon­stel­la­tionen dieses Prozesses immer wieder verändern. In einer kapita­listisch geprägten Globa­li­sierung ist sie maßgeblich eine Weltmarkt­ge­sell­schaft, die nicht nur die Steue­rungs­fä­higkeit des Natio­nal­staates beein­trächtigt, sondern über die trans­na­tionale Organi­sation von Arbeits­ver­hält­nissen und Austausch­ver­hält­nissen auch eine soziale Struk­tu­rierung vornimmt, die weit über den nationalen Zusam­menhang hinaus weist. Weltge­sell­schaft prägt mittlerweile – in häufig asymme­trischer Weise – nicht zuletzt Siche­rungs­systeme in fragilen Staaten, wie der Lehrstuhl mit Förderung der Deutschen Stiftung Friedens­for­schung (DSF) am Beispiel der humanitären Hilfe nachweist (Koddenbrock, Hein).

Die stärker empirisch ausge­richteten Forschungen des Lehrstuhls basieren auf diesem Grund­ver­ständnis und den oben skizzierten Frage­stel­lungen. Sie nehmen darüber hinaus im Sinne eines pluralen Theorie­ver­ständ­nisses auch auf andere Debatten und Diskus­si­ons­stränge Bezug. Organisiert sind sie v.a. in zwei thema­tischen Schwer­punkten, anhand derer die drei Leitfragen bearbeitet werden und welche die globale mit der inner­ge­sell­schaft­lichen Ebene verknüpfen:

Der erste Schwerpunkt befasst sich mit Governance in umstrittenen Ordnungs­sphären. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass regulative Autorität in zahlreichen Politik­feldern zunehmend zersplittert und unscharf geworden ist, sich die jeweils beanspruchten Sphären häufig überlappen. Ordnung lässt sich unter diesen Bedin­gungen nicht mehr mit einer dem Subsi­dia­ri­täts­prinzip folgenden Mehre­be­nen­ar­chi­tektur oder über hegemoniale Ordnungs­setzung erfassen. Vielmehr hat sich eine trans­na­tionale Polyzentrik heraus­ge­bildet, die auch mit den Konzepten der ‚networked governance‘, ‚regime complexity‘, ‚global assemblage‘ oder ‚multi-​scalar meta-​governance‘ umschrieben wird und die sich häufig in überschnei­denden Rechtss­systemen ausdrückt, aber auch nicht frei von den für die Weltge­sell­schaft charak­te­ris­tischen Macht­asym­metrien ist. Der Lehrstuhl tauscht sich diesem Schwerpunkt neben dem INEF auch mit dem Käte Hamburger Kolleg/​Centre for Global Coope­ration Research aus, das sich zwischen 2018 und 2020 u.a. mit „Global Coope­ration and Polycentric Governance“ befasst.

Der Lehrstuhl untersucht die konflikthafte Struk­tur­bildung von Governance in mehreren Handlungs­feldern. Erstens steht der Bereich des Peace- und State­building sinnbildlich für Global Governance in fragmen­tierten Staaten (Debiel). Die im herkömm­lichen Terri­to­ria­li­täts­prinzip verankerte Kontrolle des Staates über sub-​staatliche Räume ist hier durch inter­na­tionale Friedens­mis­sionen, trans­na­tional agierende, kommer­zielle Sicher­heits­un­ter­nehmen, aber auch tradi­tionelle Autoritäten oder lokale Milizen erodiert. Die Hierarchien zwischen den Akteuren kommen dabei insbe­sondere darin zum Ausdruck, wer welche Verant­wortung für die Sicherheit der Bevöl­kerung reklamiert, in anderen Worten: wie moral agency zugeschrieben wird.

Ein zweites empirisches Feld ist das inter­na­tionale Finanz- und Geldsystem (www​.politicsofmoney​.org) (Koddenbrock). Hierarchien und Dependenz spiegeln sich hier darin, wie und von wem Geld geschaffen und verteilt wird. Die Spiel­regeln sind durch den Inter­na­tionalen Währungsfonds und kommer­zielle Banken und Investments dominiert. In den letzten zehn Jahren haben jedoch Eliten in peripheren Ländern zunehmend versucht, durch den Verkauf von Regie­rungsbonds an globale Banken und Invest­mentfonds nationale Autonomie zurück­zu­ge­winnen. Die entspre­chende Forschung befasst sich mit den Kalkülen und Folgen derart neuer Handlungsstrategien.

Drittens geht es um Ordnungs­bildung in „neuen“ oder „leeren“ Räumen, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Raumfahrt gelegt wird (Lambach, Sönnichsen). Durch technischen Fortschritt kommt es zu einer drastischen Zunahme kommer­zieller Aktivitäten, was bestehende Governance-​Systeme überfordert und Verän­de­rungsdruck schafft. Die betei­ligten Akteure nutzen Techno­logien und Raumkon­struk­tionen, um ihre politische Agenda zu verfolgen. In der Kontrolle über die Norm, welches Recht an welchem Ort Gültigkeit hat (Terri­to­rialität), sind dabei in besonderer Weise Macht­hier­archien reflektiert.

Der zweite thema­tische Schwerpunkt liegt auf der Trans­for­mation von Gewal­t­ord­nungen. Unter Gewal­t­ordnung verstehen wir dabei die normativen und insti­tu­tio­nellen Strukturen, welche die Legiti­mation und Ausübung unmit­telbaren physischen Zwangs begründen. Diese Ordnungen lassen sich auf der Ebene des inter­na­tionalen Systems normativ maßgeblich über die Art und Weise erschließen, wie sich inter­na­tionale Organi­sa­tionen, regionale Sicher­heits­ge­mein­schaften, staatliche Regierung, aber auch trans­na­tionale Sicher­heits­un­ter­nehmen und lokale Gewalt­akteure mit Regeln des Völker­rechts ausein­an­der­setzen. Innerhalb von Staaten stehen demge­genüber zumeist entweder die Verfasstheit des politischen Regimes oder aber wider­streitende Ansprüche nationaler vs. lokaler Akteure im Vordergrund, die zwischen staat­lichen Eliten, zivil­ge­sell­schaft­lichen Inter­es­sen­gruppen, tradi­tio­nellen Autoritäten oder auch militanten Wider­stands­be­we­gungen ausge­tragen werden.

Auf inter­na­tionaler Ebene hat der Lehrstuhl einen empirischen Fokus auf der Frage, wie in Zeiten der Krise mit zivili­sa­to­rischen Standards umgegangen wird, die beispielsweise innerhalb der Genfer Konven­tionen als zentralem Bestandteil des humanitären Völker­rechts kodifiziert sind. Beispielhaft wird dies untersucht für die Staaten der NATO, die nicht zuletzt angesichts der Heraus­for­derung des trans­na­tionalen Terro­rismus ihre Praktiken der inter­na­tionalen Standard­setzung verändert haben. Dabei ist die Re-​Interpretation wie auch die nur selektive Anwendung maßgeblich durch machtvolle Mitglieder der Allianz bestimmt, die dadurch sukzessive die normative Ordnung verändert haben (Hühnert). Ein anderes Projekt proble­ma­tisiert die Frage, welchen Effekt unauto­ri­sierte humanitäre Inter­ven­tionen auf globale Normen z.B. im Menschen­rechts­bereich haben. Konkret soll anhand mehrerer Fallstudien untersucht werden, ob derartige Inter­ven­tionen das normative Gefüge der inter­na­tionalen Gesell­schaft unter­graben oder parado­xerweise sogar stabi­li­sieren (Pohlmann).

Auf inner­staat­licher Ebene setzt sich der Lehrstuhl im Rahmen eines DFG-​Projekts (Nonviolent Resistance) empirisch damit auseinander, wie erfolgreich Protest und Widerstand nicht-​staatlicher Akteure unter autoritären Herrschafts­be­din­gungen sind (Bayer, Lambach). Politische Umbrüche und Revolu­tionen werden auf die Frage hin untersucht, wie sich gewaltlose Formen des Wider­stands im Unter­schied zu militanten Handlungs­stra­tegien langfristig auf demokra­tische Konso­li­dierung auswirken. Die Ergebnisse geben auch Aufschluss darüber, unter welchen Umständen vermeintlich machtlose Akteure eine ungerechte Herrschafts­ordnung effektiv und nachhaltig verändern können.

Publikationen

Von Agenten, Akteuren und Strukturen in den Internationalen Beziehungen

Caroline Kärger, Janet Kursawe, Daniel Lambach (2017): Von Agenten, Akteuren und Strukturen in den Internationalen Beziehungen, in: ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen, Jahrgang 24 (2017), Heft 2, S. 91 - 120.

New Kind of War - New Kind of Detention?

Hühnert, Dorte (2016): New Kind of War – New Kind of Detention? How the Bush Administration Introduced the Unlawful Enemy Combatant. Münster: LIT Verlag.

Warum Staaten zusammenbrechen

Lambach, Daniel; Johais, Eva; Bayer, Markus (2016): Warum Staaten zusammen-brechen: Eine vergleichende Untersuchung der Ursachen von Staatskollaps. Wiesbaden: Springer VS.