Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik

Prof. Dr. sc. pol. Tobias Debiel

DFG-Projekt Staatskollaps

Projektübersicht

Projektdauer

Das Forschungs­projekt ist für den Zeitraum von drei Jahren angelegt und hat am 1. Oktober 2011 begonnen. Die Förderung des Projekts erfolgt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Mitarbeiter

Das Projekt steht unter der Leitung von Dr. Daniel Lambach. Das Team wird durch die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen Dipl. Pol. Eva Johais und Markus Bayer, M.A., sowie die studentische Hilfskraft Laura Blomenkemper vervollständigt.

Ziele des Projekts

Ziel des Projekts ist eine systematische Erforschung der Ursachen von Staatskollaps, die die Defizite von bisherigen Ansätzen vermeidet und somit zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes beiträgt. Dabei sollen Erklä­rungs­modelle erarbeitet werden, welche nicht nur grund­legende Eigen­schaften kolla­bie­render Staaten identi­fi­zieren, sondern auch Aufschluss über den Zeitpunkt eines Staats­kollaps geben.

Forschungsdesign

Das Projekt verwendet ein Mehr­methodendesign, das systematische Medium-N-Vergleiche mit Einzelfallstudien kombiniert.                                                        Im ersten Schritt werden zwei Medium-N-Analysen mit unterschiedlichen Kontrollgrup­pen durchgeführt, um auf diese Weise alle relevanten Faktoren überprüfen und mög­lichst sparsame Kombinationen erklärender Variablen für das Zustandekommen von Staatskollaps identifizieren zu können.                    Abhängig von der Robustheit der Ergebnisse und der „Sparsamkeit“ der Modelle, werden im zweiten Schritt Einzelfallstudien zur Ver­feinerung und Überprüfung der Ergebnisse oder zur Überarbeitung der Modelle durchgeführt.                              Für die Medium-N-Analyse wird die Methode der Qualitative Comparative Analysis in der Variante des Multi-Value QCA verwendet.

Fallauswahl

Untersucht werden 15 zuvor identifizierte Beispiele für Staatskollaps. Ein Fall wird aus einem Land und der Phase bis zum Einsetzen der Kollapsperiode gebildet. Zu­sätzlich zu dieser Gruppe der Positivfälle werden zwei Kontrollgrup­pen gebildet, mit denen die erste Gruppe nacheinander verglichen wird. Die erste Kontrollgruppe besteht aus ähnlichen Staaten zum selben Zeitpunkt wie die Kol­lapsfälle, die jedoch nicht zusammengebrochen sind. Die zweite Kontrollgruppe wird für einen vertikalen bzw. diachronen Vergleich ver­wendet. Sie besteht aus denselben Ländern, die in der Gruppe der Positivfälle sind, betrachtet diese jedoch zu anderen Zeitpunkten.

Hypothesen

H1: Bestimmte Kombinationen von Variablen sind hinreichende Bedingungen für Staatskollaps

H2: Keine Variable oder Variablenkombination ist eine notwendige Bedingung für Staatskollaps.

Abhängige Variable

Das Projekt beschränkt sich bei seinen Erhebungen auf eine enge Definition der abhängigen Variablen. Dies bedeutet, dass sich die Untersuchung auf die Extremform fragiler Staatlichkeit konzentriert: den Staatskollaps. Fälle fragiler Staatlichkeit, die dieses Niveau nicht erreichen, stehen nicht im Fokus des Projekts.

Unabhängige Variablen

Politische Faktoren

P1: Die gezielte Schwächung der staatlichen Bürokratie durch die herrschende Elite

P2: Die gezielte Schwächung der staatlichen Gewaltkontrolle durch die herrschende Elite

P3: Starke informelle politische Strukturen

P4: Die unmittelbare Kontrolle über große Teile der staatlichen Ressourcen liegt beim Regierungschef

P5a: Ein autokratisches Regime

P5b: Ein hybrides Regime

P5c: Ein hybrides Regime mit einem hohen Grad an Faktionalismus

P6: Die Fragmentierung des politischen Systems

Wirtschaftliche Faktoren

W1: Der starke Rückgang staatlicher Einnahmen

W2a: Ein hoher Anteil von Primärgutexporten am Bruttoinlandspro­dukt eines Staates

W2b: Ein hoher Anteil von Primärgutexporten am Bruttoinlandspro­dukt eines Staates mit einem niedrigen Pro-Kopf-Einkommen

Sozialstrukturelle- und kulturelle Faktoren

S1: Die Herrschaft einer ethnischen Minderheit gepaart mit einem hohen Maß an politischer Repression

S2: Eine hohe Bevölkerungsdichte

S3: Ein hoher Anteil Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung

S4: Wenn in postkolonialen Staaten keine indigene, vorkoloniale polity existiert hatte (analog in Ländern, die aus dem Zerfall von Vielvölkerstaa­ten oder Imperien hervorgegangen sind)

Internationale und regionale Faktoren

I1: Der Entzug von Patronage durch eine Großmacht

I2: Das Nachlassen einer externen Bedrohung

I3a: Ein hoher Anteil von Exporten und Importen am BIP

I3b: Ein niedriger Anteil von Exporten und Importen am BIP

I4: Frühere Strukturanpassungsprogramme

I5: Wirtschaftliche Liberalisierungsprozesse

I6: Bürgerkriege in angrenzenden Staaten

I7: Der Kollaps eines angrenzenden Staates

Publikationen

Von Agenten, Akteuren und Strukturen in den Internationalen Beziehungen

Caroline Kärger, Janet Kursawe, Daniel Lambach (2017): Von Agenten, Akteuren und Strukturen in den Internationalen Beziehungen, in: ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen, Jahrgang 24 (2017), Heft 2, S. 91 - 120.

New Kind of War - New Kind of Detention?

Hühnert, Dorte (2016): New Kind of War – New Kind of Detention? How the Bush Administration Introduced the Unlawful Enemy Combatant. Münster: LIT Verlag.

Warum Staaten zusammenbrechen

Lambach, Daniel; Johais, Eva; Bayer, Markus (2016): Warum Staaten zusammen-brechen: Eine vergleichende Untersuchung der Ursachen von Staatskollaps. Wiesbaden: Springer VS.